Jüdin macht Jugendliche zu „Zweitzeugen“

Eva Weyl hat eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte überlebt.

15 Jahre alt war Eva Weyl, als ihr Opa der Jüdin den Umgang mit dem deutschen Fritz verbieten wollte. Der Grund: Ihr Fritz war der Sohn eines großen Nazis. „Aber da kann doch der Fritz nichts für“, war Eva Weyl schon damals überzeugt. Die Freundschaft der beiden Jugendlichen dauerte noch fünf Jahre.

Und weil – genauso wie Fritz damals – niemand etwas dafür kann, in welchem Land und in welche Kultur er geboren wird, setzt sich die inzwischen 84-Jährige bis heute gegen Rassismus ein. Indem sie Schülerinnen und Schülern von ihrer Lebensgeschichte berichtet. So macht die Zeitzeugin aus den Gesamtschülern „Zweitzeugen“. Mit der Geschichte einer Jüdin, die als kleines Mädchen das Übergangslager Westerbork in Holland überlebte, aus dem heraus über 100.000 Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager gen Osten abtransportiert wurden.

Pro Jahr besucht Eva Weyl rund 50 Schulen. Am EBG in Unna und in der Gesamtschule Fröndenberg war sie am Donnerstag und Freitag zu Gast.

In Fröndenberg ist Eva Weyl keine Unbekannte

In Unna wurde der Vortrag von Christoph Heckmann organisiert. Die Schülerinnen und Schüler des 11. Jahrgangs waren eingeladen. In Fröndenberg kümmerte sich Lehrerin Anja Laux für die Jahrgänge 9 und 11 um den Besuch von Eva Weyl, die an der Gesamtschule keine Unbekannte ist. Denn sie hat Verwandschaft in der Ruhrstadt. Zurzeit besucht ihre Großnichte die 10. Klasse an der GSF.

Eva Weyl ist aus diesem Grund schon zum dritten Mal in Folge im Kreis Unna, der für ihre Vorträge eigentlich zu weit von der Heimatstadt Amsterdam entfernt liegt.

Wenn sie beginnt, über ihre Familie zu berichten, fängt Eva Weyl bei ihrem Urgroßvater an. Der besaß in Kleve das erste große Kaufhaus der Gegend. Als eines Tages Männer mit dem Transparent „Deutsche, kauft nicht bei Juden“ vor dem Geschäft Halt machten, wurde der Familie klar, dass sich die Lage zuspitzte. Spätestens nach der Reichspogromnacht flüchteten viele in die Niederlande, wo sich heute der Lebensmittelpunkt von Eva Weyl befindet. Der Urgroßvater wurde enteignet. Noch heute steht das Kaufhaus in Kleve, in dem sich inzwischen Karstadt niedergelassen hat.

Eva Weyl gelangte mit sechs Jahren in das Durchgangslager Westerbork, das vor der nationsozialistischen Besatzung in den Niederlanden ein Flüchtlingslager war. Der deutscher SS-Obersturmführer und Lagerkommandant in Westerbork, Albert Konrad Gemmeker, setzte alles daran, die Juden im Lager ruhig zu halten. Es gab ein Krankenhaus, ein Theater, eine Schule, richtige Wohnungen und zweimal täglich reichlich Brot zum satt Essen, abends sogar eine warme Mahlzeit mit Kartoffeln, Gemüse und manchmal sogar Fleisch. Zwar bemerkte die junge Eva, dass hin und wieder ein Mitschüler oder eine Mitschülerin verschwand.

Mit dem Zug seien sie weg, erzählte ihre Mutter dann aber zur Beruhigung. Das kam der Schülerin nicht weiter komisch vor. War sie mit ihrer Familie doch auch mit dem Zug gekommen. Und nicht einmal die Eltern wussten genau, ob die Gerüchte darüber stimmten, was im Osten mit ihnen passiert.

Vorträge gemeinsam mit der Tocher gehalten

Eva Weyl gehörte zu den wenigen, die nicht von Westerbork weiter nach Auschwitz gebracht wurden. Deshalb sieht sie sich dazu verpflichtet, als Zeitzeugin über ihre Erfahrungen zu berichten. Inzwischen hat sie sogar Vorträge gemeinsam mit der jüngsten Tochter von General Albert Konrad Gemmeker gehalten. „Wir sind beide Opfer“, sagt Eva Weil über die Tochter des Lagerkommandanten. Diese Toleranz hat sie jetzt an die Schülerinnen und Schüler im Kreis Unna weitergegeben.

(Hellweger Anzeiger, 18.05.2019)

 

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