Schüler der Gesamtschule werden zu „Zweitzeugen“ des Holocaust

Noch nie zuvor hätten Schüler selbst einen ihrer Vorträge eingeleitet, freute sich die Holocaust-Zeitzeugin Eva Weyl am Donnerstag in der Gesamtschule über den Auftritt und die Begrüßung von zwei Schülerinnen.

Nachdem die jungen Frauen von ihrem Aufenthalt in einem Konzentrationslager berichtet hatten, bot sich der 82-jährigen direkt ein Punkt, an dem sie anknüpfen konnte. „Wenn man das gesehen hat, weiß man, was geschehen ist – das ist wichtig für unser Leben in der heutigen Zeit“, motivierte sie alle Schüler, sich mit dem Holocaust und der NS-Geschichte auseinanderzusetzen. Wer ihren Vortrag anhöre und sich mit der Geschichte auseinandersetze, werde zum „Zweitzeuge“. Und die sind gerade in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt, besonders wichtig.

„Ich kämpfe gegen das Vergessen“, sagte die 82-Jährige, die mit sechseinhalb Jahren einen Aufenthalt im Durchgangslager Westerbork überlebte. Mit vielen kleinen Anekdoten, Geschichten über sie selbst, ihre Familie, aber auch mit historischen Fakten und Bildern vermittelte sie den Schülern des neunten Jahrgangs der GSF ein Bild von der damaligen Zeit.

Ein ungewöhnliches Lager

Zeitzeugin Eva Weyl spricht seit zehn Jahren an Schulen über ihre eigenen Erfahrungen mit dem NS-Regime und das Schicksal ihrer Familie. Eigentlich vornehmlich am Niederrhein. Doch weil sie hier Verwandtschaft hat, kam die 82-Jährige nun auch an die Gesamtschule Fröndenberg. Fotos: Sarad

Das Judendurchgangslager Westerbork war eines der beiden im Krieg von den NS-Besatzern in den Niederlanden eingerichteten zentralen Durchgangslagern. Im Lager, und das sei das perfide an der Geschichte, ging es den Juden relativ gut. Es gab genug Essen, um satt zu werden, Arbeit für die Erwachsenen, Schulunterricht für die Kinder und medizinische Versorgung für Kranke und Verletzte.
So versuchte das Regime, die Lagerinsassen ruhig zu halten – bis sie mit dem Zug weiter in Konzentrations- und Vernichtungslager nach Osten deportiert wurden. Tagebücher aus der damaligen Zeit belegten, dass einige Juden nicht glaubten, was in Auschwitz und anderenorts mit ihnen passieren sollte. Warum sollten die Nazis sie dort umbringen lassen, wenn die sich vorab noch um ihre Gesundheit kümmerten? Doch andere wollten sich vom Schein nicht trügen lassen. So hat es auch in Westerbork Fluchtversuche und viele Selbstmorde gegeben. All das erlebte Eva Weyl als junges Mädchen, protegiert von ihren Eltern. Wenn Mitschüler mit dem Zug verschwanden, war es für sie zunächst einmal gar nicht so schlimm.

Umso schwerer wiegt das Wissen, dass sie sich im Nachhinein über die Verbrechen der damaligen Zeit aneignen musste.

Weyls Appell

Weyls Appell an die Schüler war es, Menschen nach dem Herzen zu beurteilen, nicht nach dem Glauben, einer Abstammung, Nationalität oder Herkunft. Das habe sie schon als 16-Jährige verstanden, als sie sich nach dem Krieg zu Besuch bei ihrem Opa in Deutschland in den deutschen Fritz verliebte. Ihr Opa verbot den Kontakt. Mit der Begründung, dass der Vater des Geliebten ein großer Nazi war. „Aber da konnte der Fritz ja nichts für“, argumentierte die heute 82-Jährige auch schon als junge Frau. Eine Lektion fürs Leben. Obwohl aus der Liebe nichts wurde.

Ebenso nah ging den Schülern die Geschichte über den Ring, den Eva Weyl vor 20 Jahren von ihrer Mutter geschenkt bekam. Die eingesetzten Brillanten haben die Zeit in Westerbork versteckt in den Knöpfen ihres Mäntelchens überstanden – ohne, dass das Kind davon wusste. Das Schmuckstück soll später im Erinnerungszentrum in der Nähe des ehemaligen Lagers ausgestellt werden.

Eine Industrialisierung des Mordes, wie sie in der NS-Zeit geschah, darf es nicht wieder geben, mahnte Weyl. Unschuldige Tote in Kriegen habe es immer gegeben und gebe es auch heute noch. Die systematische Ermordung der Juden, der Holocaust, sei aber genau das gewesen, was den Zweiten Weltkrieg so einzigartig gemacht habe.

„Ihr müsst dafür heute keine Schuldgefühle haben, Ihr seid aber dafür verantwortlich, was Ihr aus Eurer Vergangenheit macht, gab die Zeitzeugin den Schülern mit auf den Weg.

Auszeichnung für Eva Weyl

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Eva Weyl auf Vorschlag der Landesregierung NRW am 8. Januar dieses Jahres das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Damit wurde ihr jahreslanges umfassendes Engagement als Zeitzeugin für die Aufarbeitung der Vergangenheit gewürdigt.

Eva Weyl ist schon lange als Fremdenführerin in der heutigen Gedenkstätte des früheren KZ Westerbork in der Provinz Drente zuständig.

Mit der Stadt Kleve, der Heimat ihrer Vorfahren, fühlt sich Weyl, trotz deren Schicksals in Deutschland eng verbunden.

Mit ihren Vorträgen ist Weyl seit zehn Jahren in den unterschiedlichsten Schulformen tätig.

Jugendliche begegnen der Geschichte in Polen und Frankreich

Die Schülerinnen Miriam Köster (l.) und Michelle Baus haben während der Projektwoche Konzentrationslager in Polen besucht.

Im Vorfeld des Vortrags hatten sich einige Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr auch im Rahmen der Projektwoche an der Gesamtschule intensiv mit der Zeit der NS-Verbrechen beschäftigt. So hatten sie, unterstützt durch den Förderverein der GSF sowie die Konrad Adenauer Stiftung die Möglichkeit, nach Frankreich oder Polen zu fahren, um sich persönlich ein Bild von den Schrecken dieser Zeit zu machen. Begleitet hat sie unter anderem die Geschichtslehrerin Nancy Meyer. Sie betont, dass eine solche Fahrt, gerade mit dem Flug nach Polen, normalerweise das Vierfache für die Schüler Kosten würde

„Anfangs war es ein Schock durch die Baracken zu laufen. Wie hatten Tränen in den Augen und mussten uns immer wieder über das Erlebte austauschen“, formuliert die 18-jährige Miriam Köster die ersten Eindrücke, die sie in Auschwitz gesammelt hat. „Das war nur schwer zu verarbeiten.“

Während der Fahrt besuchten die Schüler sowohl das Konzentrationslager Auschwitz, als auch das reine Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Teilnahme im Rahmen der Projektwoche war freiwillig. Da stellt sich die Frage, warum sich junge Leute, so einen Ausflug antun: „Ich fand es wichtig, das, was wir sonst nur aus Dokus oder aus den Geschichtsbüchern kennen, einmal live zu sehen. Direkt vor Ort zu sein, ist noch einmal ein anderes Erlebnis – einfach unbeschreiblich“, sagt Mitschülerin Michelle Baus. Die jungen Frauen haben eine Plakatwand mit Fotos gestaltet, die beim Vortrag zu sehen war.

(Hellweger Anzeiger, vom 02.02.2018 | von Von Dagmar Hornung)

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