Trost bei Liebeskummer: Eine Schülerin der ersten Stunde an der Gesamtschule erinnert sich

Vor 50 Jahren gehörte die Gesamtschule Fröndenberg zu den ersten Schulen dieses neuen Typs. Eine Schülerin der ersten Stunde war im Sommer 1969 Ulrike Kahlisch. Die heute 60-Jährige erinnert sich in unserer neuen Interviewreihe „Auf einen Espresso mit…“ an die Zeit, als Kinder in das von vielen verspottete Versuchslabor gesteckt wurden. Die gebürtige Langschederin kam viele Jahre nach ihrem Abitur als Schulpflegschaftsvorsitzende zurück an die GSF und ist vielen Fröndenbergern als Macherin des Traumlandtheaters bekannt. Im Café Melange am Fröndenberger Markt entscheidet sich Ulrike Kahlisch übrigens für einen Latte Macchiato anstelle eines Espressos. Schließlich wird das Gespräch deutlich länger als ein Espresso-Stopp dauern.

Frau Kahlisch, wie war eigentlich der erste Schultag an einer unbekannten Schule?

Ulrike Kahlisch kam viele Jahre nach ihrem Abitur als Schulpflegschaftsvorsitzende zurück an die GSF.sarad © Borys Sarad

Es war erst mal eine große Freude, auf eine so große Schule mit Teppichboden auf den Fluren zu gehen, das kannten wir ja gar nicht. Schon der Schulbus war ein Erlebnis für uns Dörfler – man ging ja zu Fuß. Dann der Schock am ersten Schultag: Zu unser aller Entsetzen verlasen Herr Krabbe und der neue Direktor, den wir gar nicht kennengelernt haben, auf dem Schulhof der Overbergschule die Namen der Kinder vor. Meine Freundinnen kamen in ganz andere Klassen als ich. Man kam sich sehr einsam vor, da sind die ersten Tränen geflossen.
Die GSF war 1969 ja noch gar nicht fertig, wie lief der Unterricht auf der Baustelle ab?

Es waren tatsächlich nur der Sportbereich und einige Teilbereiche fertig. Und auf dem Schulhof standen Pavillons. Weil wir drei Großraumklassen waren, sind wir immer hin- und hergewandert. Wo wir reinpassten, sind wir reingeschoben worden. Irgendwann im 6. oder 7. Schuljahr mussten wir einmal auf einer Schulmesse in der Westfalenhalle den Unterricht hinter Glas simulieren. Wie die Affen im Zoo, da haben sich die Leute die Nase platt gedrückt. Ganztagsschulen waren 1969 ja noch gar nicht etabliert, das fing mit der GSF an. Die Mensa gab es aber noch nicht. Die gesamte Karawane der GSF ist deshalb mittags zum Essen ins Don-Bosco-Heim gewackelt. Da hatten wir zwei Stunden Mittagspause – wir hatten richtigen Luxus.

Das klingt nach einer sehr entspannten Schulzeit . . .

Wir hatten auch keine Noten. Das war für uns stresslos, denn wir standen nicht unter Leistungsdruck. Es gab ein Punktesystem. Die Lehrer haben uns zur Seite genommen und gesagt, wo wir punktemäßig stehen. Aber das war uns Schülern doch völlig egal, wie viele Punkte wir hatten. Mit Sitzenbleiben sind wir das erste Mal in der Oberstufe konfrontiert worden. Wir hatten einfach einen sehr intensiven und freundschaftlichen Kontakt zu den Lehrern auf Augenhöhe, ob es Armin Schumacher, Heinrich Borchers oder Michael Pfeiffer war. Michael Pfeiffer hat uns auf Falkenfreizeiten nach Italien mitgenommen. Das war Utopie für uns, wir waren ja auf unserem Eiland im Freibad Dellwig oder in Langschede an der Ruhr glücklich. Heinrich Borchers hat uns immer getragen und gewarnt, wenn wir schlecht standen. Das vermisse ich heute bei den Lehrern: dass sie Freunde und Begleiter sind. Wenn wir Liebeskummer hatten, haben uns die Lehrer in den Arm genommen und getröstet. Wir haben immer eine geführte Narrenfreiheit gehabt, ohne dass wir merkten, dass wir geführt wurden. Und der Direktor war ein Mann wie du und ich. Wir hatten keine Angst.

Klingt danach, als würden Sie die Schüler heute bedauern?

Es hat mal jemand gesagt: So einfach wie heute mit den I-Pads im Unterricht sei Schule für Schüler noch nie gewesen. Ich sage: Einfacher und schöner und leichter kann keiner zur Schule gehen wie wir damals zur GSF. Wir durften ohne Tornister kommen und ohne Tornister gehen. Wir Mädchen hatten nur unsere Schminktasche dabei. Es gab auch keine Hausaufgaben, weil ein Auflernen zuhause gar nicht möglich war. Wir haben unser Lernziel gemeinsam erreicht. Wenn ich an dieses Gepeitsche heute schon in der Grundschule denke: Eltern legen schon alle Schienen, damit der Weg zum Abitur vorgezeichnet ist. Dabei ist schon häufig genug bewiesen worden, dass auch die Graupen in der Schule doch Professoren geworden sind. Viele unserer Mitschüler sind vor dem Abitur abgegangen und heute erfolgreiche Handwerker. Ich selbst bin in die Oberstufe gegangen, weil ich kein Bock hatte zu arbeiten. Die damalige Generation der Eltern hat zu uns gesagt: So weit bin ich selbst nicht gekommen – alles was du machst, machst du für dich.

Was haben Sie denn aus Ihrem Abitur für sich gemacht?

Ich habe eine Lehre als Bauzeichnerin bei der Stadt Fröndenberg gemacht. Als der damalige Stadtdirektor Rebbert im Vorstellungsgespräch zu mir sagte, dass das ja eine tolle Abiturfeier an der Gesamtschule gewesen sei, habe ich ihn gefragt, woher er das denn wissen will, er sei doch gar nicht da gewesen. Ich stehe zu meiner Klappe, auch wenn das mal negativ aneckt. Bei Rebbert habe ich mich später entschuldigt. Da meinte er nur, Duckmäuser hätten sie im Rathaus schon genug. Mit Norbert Muczka habe ich dann zusammen den legendären Plan für das Sanierungsgebiet Union gezeichnet. Zu der Zeit hatte die Stadt noch vier Auszubildende zu Bauzeichnern. Als ich dann später meine drei Kinder bekommen habe, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz nicht bereitstellen lassen. Der Beruf als Bauzeichner gibt es auch nicht her, dass man Jahre später wieder einsteigt. In der Verwaltung zu arbeiten war aber auch nicht das Richtige für mich.

Als Mutter sind Sie später wieder an die Gesamtschule zurückgekehrt …

. . . 1995 für zehn Jahre als Schulpflegschaftsvorsitzende. Dort habe ich mich mit 40 ehemaligen Mitschülern in der Schulpflegschaft wiedergefunden. ,Pucki, du bist wieder da!‘ hieß es – an der Schule hieß ich nur so. Den Vorsitz habe ich aber nur unter der Bedingung angenommen, dass mir Hildegard Stracke und Petra Heinze zur Seite gestellt werden. Wir haben dann häufig geguckt: Was stinkt uns? Es gab zum Beispiel unsäglich viele Toiletten an der GSF. Alle waren scheiße. Neue Toiletten haben wir bei der Politik eingeklagt. Die Toilettenfrau haben wir von den Überschüssen aus unserer Futteroase bezahlt . . .

… die ja auch die Schulpflegschaft unter Ihnen gegründet hat …

Es störte uns, dass die Kinder mit Geld in der Tasche an die Schule kamen und es für Süßigkeiten ausgaben. Wir haben dann eine Umfrage unter den Eltern gemacht und mit Hilfe von Egon Krause den Förderverein für die Futteroase gegründet. Für die Futteroase haben wir ja auch den „Fröndenberger“, ein gesundes Brötchen mit Käse Salat und Tomate kreiert. Das ging alles nur, weil 60 Eltern in den Klassenpflegschaften aktiv waren und 80 ehrenamtlich in der Futteroase geholfen haben, davon nur zwei bezahlte Kräfte.

Später haben Sie auch als sachkundige Bürger im Schulausschuss politisch gewirkt.

Das ganze Gremium hat mir viel zu wenig Flexibilität gegeben. In den sechs Jahren hat man sich eigentlich nur im Kreis gedreht. Viele Leute, die im Schulausschuss sitzen, kennen die Schule doch gar nicht von innen. Irgendwann wird dann in irgendwelchen Ältestenräten entschieden und man bekommt das noch nicht einmal mit. Das ist eine Starrheit! Die sind doch da gar nicht mehr an der Basis. Man sollte mal Leute ranlassen, die mutiger sind.

Sie haben mit der Schulpflegschaft sehr viel erreicht – wie war das möglich?

Die Teamfähigkeit, die wir als Schüler in den Großgruppen gelernt haben, die freie Rede dort vor vielen, aber auch das ewige Sich-rechtfertigen-müssen gegen Abiturienten an den Gymnasien, die immer sagten: ihr kriegt alles geschenkt – das hat uns stark gemacht. Anscheinend hatten wir auch eine Sprache, die die Eltern erreicht hat. Was heute vielleicht verloren gegangen ist an der GSF ist, dass ein Rädchen in das andere greift von Schulleitung über Schülerrat bis Schulpflegschaft und Fördervereinen. Zu unserer Zeit haben auch Großeltern in der Futteroase geholfen. Das ist eine so schöne Arbeit, denn dort ist man auch Seelenklempner für die Schüler. Darin liegt ein Potenzial verborgen. Die erste Generation der GSF strebt ja jetzt die Rente an. Wir wissen aber nicht so recht, was wir danach tun sollen.

(Hellweger Anzeiger, vom 23.03.2019)

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